Mein erster 100 km-Lauf

 

Im Schweizer Biel findet seit 1959 Jahr für Jahr im Juni ein 100 km-Lauf statt. Etwa ½ Jahr vor dem Lauf entschloss ich mich, an dieser Laufveranstaltung teilzunehmen. So einige werden sich wohl die üblichen Fragen stellen: „Warum macht der das?“ oder „Warum fährt der die 100 km nicht mit dem Auto?“

Nachdem ich nun seit einigen Jahren Marathon laufe, suchte ich einfach nach einer neuen Herausforderung im Laufen. Weiterhin habe ich mich mit einigen Läufern unterhalten, die bereits 100 km-Läufe absolviert hatten. Alle waren total begeistert. Ferner wurde ich von meiner Freundin Gerlinde bestärkt, sie wollte nämlich immer schon mal einen Hunderter laufen. Wir entschieden uns dann für den 100 km-Nachtlauf in Biel. Es ist der älteste 100 km-Lauf auf dem europäischen Kontinent und ein absoluter Klassiker.

Da ich Ende 1997 eine schwere Bandscheibenoperation über mich ergehen lassen musste, begab ich mich als erstes zu meinem Orthopäden. Dieser gab mir sein okay. Ein internistischer Gesundheitsscheck verlief ebenfalls gut, so dass dem Vorhaben nichts mehr im Weg stand.

 Im Januar wurde das Lauftraining intensiviert. Woche für Woche liefen wir 70 – 100 km, verteilt auf 4-6 Trainingseinheiten. Insgesamt absolvierten wir drei Marathonläufe (Steinfurt, Dresden und Mainz) als Vorbereitung. Längere Strecken als die Marathondistanz über 42,195 km liefen wir nicht.

Neben dem konsequenten Training gehörten natürlich auch eine ausgewogene Ernährung und ein solider Lebenswandel zur Vorbereitung. Die Pizza- und Dönerbuden wurden ignoriert und auf Feiern gingen wir dann auch schon mal gegen 02.00 Uhr, anstatt wie sonst um 04.00 oder 05.00 h nach Hause. Der Termin kam immer näher, in der letzten Woche vor dem Lauf war auch ein totaler Alkoholverzicht geplant.

 Die letzten beiden Wochen vor dem Start wurde das Training an Umfang und Intensität stark heruntergefahren. Der Körper sollte sich vom Training erholen und passend zum Lauf fit sein. Vier Tage vor dem Lauf fuhr ich mit meiner Freundin in die Schweiz nach Biel. Ein Schweizer Arbeitskollege hatte uns in der Nähe von Biel eine Wohnung besorgt. Im malerischen Weinort Twann am Bieler See bezogen wir unsere Unterkunft. Die Gastfamilie war sehr freundlich und es kam, wie es kommen musste. Zwei Tage vor dem Lauf haben wir uns mit den Gastgebern im Innenhof des 300 Jahre alten Anwesens zusammengesetzt. Der Hausherr war Weinbauer und stellte uns die Ergebnisse seiner hervorragenden Weinlese vor. Diese Art der Gastfreundlichkeit konnten wir natürlich nicht ablehnen. Es folgte eine ausgiebige Weinprobe, die in einen feuchtfröhlichen Abend endete. So weit zum Alkoholverzicht.

 Am Freitagabend, den 16.06.00, um 22.00 h, war es endlich so weit. 2160 LäuferInnen wurden in Biel auf die 100 km Strecke geschickt. Es folgte die Nacht der Nächte. Für meine Freundin und mich bestand das Ziel nicht darin, eine gute Zeit zu laufen, sondern die Strecke überhaupt zu schaffen. Es war schließlich unser erster Hunderter. Ich hatte ein gutes Gefühl und war mir recht sicher, die Strecke zu schaffen. Die äußeren Bedienungen waren ideal. Es war trocken, und es herrschten angenehme Nachttemperaturen von 12° bis 15°. Bewaffnet mit einer Taschenlampe für die Nacht und Ersatzkleidung machten wir uns nach dem Startschuss auf die 100 km-Strecke.

 Zunächst lief ich zusammen mit meiner Freundin und einem befreundeten Pärchen aus Iserlohn. Die ersten 5 km ging es durch die Bieler Innenstadt, begleitet von einem enthusiastischen Publikum. Ich hatte den Eindruck, dass ganz Biel auf den Beinen war. Es folgte der erste, ca. 3 km lange Anstieg. Anschließend ging es dann durch überwiegend feldreiche Landschaft.

Bei Kilometer 10 kam ich mit einem Läufer aus Norddeutschland ins Gespräch. Im Laufe der Unterhaltung fragte er mich, ob dieses mein erster 100 km-Lauf wäre und wie ich mich vorbereitet hätte. Der Läufer war irgendwie ein komischer Kauz. Er sagte, dass er als Vorbereitung mehrere 70 km-Läufe absolviert hätte. Als er hörte, dass die drei Marathonläufe unsere längsten Läufe waren, äußerte er Bedenken, ob wir die Distanz überhaupt schaffen würden. Zweifel versuchten sich breit zu machen, ich habe sie aber gleich wieder ignoriert.

Bei Kilometer 18 erreichten wir die Ortschaft Aarberg, wo wieder einige hundert Zuschauer auf uns warteten. Viele Läufer hatten Begleiter auf Fahrrädern dabei. Es war ihnen erlaubt, die LäuferInnen ab Aarberg zu begleiten. Die Rücklichter der Fahrräder zogen sich wie ein Lindwurm durch die Dunkelheit. Es folgte ein weiterer Anstieg. Bei Kilometer 20 trennte ich mich von meiner Freundin. Dieses hatten wir vorher so vereinbart, da jeder sein eigenes Lauftempo finden muss.

Ich passierte dann bei Kilometer 38,5 ein Hinweisschild „Biel 17 km“. Das Ziel war so nah, aber ich hatte mich nun mal für den Umweg entschlossen.

Nach einem erneuten Anstieg kamen mir bei Kilometer 50 zwei angeheiterte Jugendliche entgegen. Sie boten mir Red Bull an, weil das Flügel verleihen würde. Ich verzichtete auf den „Flug“ und lief lächelnd weiter.

Bei Vollmond und angenehmen Nachttemperaturen ging es nun durch die hügelige Landschaft und mehreren Ortschaften bis zum Kirchberg bei Kilometerpunkt 58. Dort war eine große Verpflegungsstation, und es gab eine Kraftbrühe. Auf diese hatte ich mich schon gefreut und sie schmeckte hervorragend.

Das Streckenprofil glich dem des Sauerlandes. Auf einige, durch Waldgebiete führende Abschnitte war trotz des Mondscheines ein Laufen ohne Taschenlampe nicht möglich. An jeder Station ließ ich mir etwa zwei bis drei Minuten Zeit. Ich trank in Ruhe meine zwei bis drei Becher Wasser und aß hin und wieder eine Banane als Energiespender oder trockenes Brot gegen den Hunger. Auf Energiedrinks und Powerriegel verzichtete ich, da ich den Magen nicht unnötig belasten wollte. Unterwegs waren insgesamt 17 Verpflegungsstationen aufgebaut. Dank meiner leicht entzündeten Blase musste ich auch mindestens 17 Mal in die Büsche.

Nun war die Hälfte der Strecke überschritten, und es stand „nur“ noch eine Marathondistanz über 42 km auf dem Plan, und damit der schwierigste Teil der Strecke.

In jeder Ortschaft, die wir in der Nacht passierten, waren anlässlich des Laufes Festzelte aufgebaut. In den Orten herrschte eine großartige Stimmung, die auf die LäuferIInnen übertragen wurde.  Die TeilnehmerInnen des 100 km-Laufes genossen den Applaus. Es war eine nette Abwechselung gegenüber der Stille auf den Feldern bzw. in den Wäldern.

Es folgte der unter den Ultra-Läufern bekannte Ho-Tschi-Min-Pfad. Dieser Pfad erstreckte sich über 10 km mit äußerst schlechtem Bodenuntergrund. Faustgrosse Steine und Wurzelwerk der Bäume ragten aus dem Boden. Es war stockdunkel. Ein Laufen ohne Taschenlampe war hier nicht möglich. Im Schein ihrer Taschenlampen bahnten sich die LäuferInnen den Weg über diesen Pfad. Danach begann die Morgendämmerung und die Tageshitze setzte sich viel zu schnell durch. Mit der aufgehenden Sonne wurden aber gleichzeitig auch neue Kräfte freigesetzt.

Die neue Energie kam gerade zur rechten Zeit, denn es begann nun ein ca. 15 km langer, kräftezehrender Anstieg mit  teilweise schlechtem Bodenuntergrund.

Das Anlaufen nach den Pausen an den Verpflegungsstationen fiel mir nun nicht mehr so leicht. Da ich bei den Stationen ja stehen blieb, schien mein Körper bzw. meine Beine der Meinung zu sein, dass der Lauf nun zu Ende sei, mein Kopf wollte dagegen den Lauf absolvieren. Gott sei Dank konnte ich den Körper immer wieder überreden, weiter zu laufen.

Ab Kilometer 85 ging es dann mit fast nur noch ebenen Abschnitten bis zum Ziel. Die letzten 10 Kilometer wollten allerdings nicht enden. Wie sich später herausstellte, mussten die letzten Kilometer wegen Straßenarbeiten verlegt werden. Dieses hatte die Folge, dass die Gesamtdistanz 102 Kilometer betrug. Bei Kilometer 98 überholte ich den Mann aus Norddeutschland, der Zweifel an meiner Vorbereitung hatte. Der Mann setzte sich gehend fort. Sollte er ruhig weiter 70 km-Läufe als Vorbereitung absolvieren, dachte ich innerlich lächelnd.

Jetzt war es 09.30 h. Seit 22.00 h des Vortages lief ich also laufen auf den Beinen, und ich näherte mich nun endlich dem Ziel. Nach 11:33 h überquerte ich überglücklich die Ziellinie und erreichte damit sogar eine Platzierung im ersten Viertel der Starter. Im Ziel herrschte eine großartige Stimmung, und man wurde von den Zuschauern und bereits angekommenen Läufern über die Ziellinie getragen.

Eine Stunde später kam dann meine Freundin ins Ziel, eine tolle Leistung von ihr. Es war für uns ein absolut tolles Gefühl, die Strecke geschafft zu haben, einfach unbeschreiblich.

Auf dem Lauf habe ich etwa 10 l Wasser getrunken und ca. 7.000 Kalorien verbraucht. Man verliert bei einem 100 km-Lauf bis zu 5 kg Körpergewicht, die Hälfte wird aber durch die Getränkeaufnahme während des Laufes ergänzt. Natürlich stellte sich ein Muskelkater in den Beinen ein, der aber zwei Tage später wieder verschwunden war.

Im Nachhinein betrachtet war es der bisher schönste Lauf als Sportler. Es war einfach gigantisch , die 100 km durch die Nacht zu laufen und am frühen Morgen das Ziel zu erreichen. Die Nacht von Biel hat einfach Flair. Jetzt verstehe ich die LäuferInnen, die Jahr für Jahr nach Biel pilgern, um dort am Nachtlauf über 100 km teilnehmen.

Da ich den Hunderter nun geschafft hatte, entschloss ich mich, am Europacup der Supermarathone 2000/2001 teilzunehmen, welcher insgesamt drei Läufe umfasst. Die Nacht von Biel war der erste Lauf dieser Serie. Der zweite fand am 14.10.00 in Schwäbisch Gmünd statt. Der Schwäbisch Alb Marathon führt über die drei Kaiserberge und ist 50 Kilometer lang. Obwohl hier „nur“ 50 km gelaufen werden mussten, war er mindestens genauso anstrengend wie der 100 km-Lauf, weil hier über 1100 Höhenmeter zu überwinden waren. Es waren extrem starke Steigungen bzw. Gefällstrecken vorhanden. Es ging entweder steil hoch oder herunter, so dass sich die Beinmuskulatur nie richtig erholen konnte. Derartige Berge gibt es hier nicht, so dass man als Flachländer gegen die „Bergziegen“ aus Süddeutschland, Österreich oder Schweiz doch leicht im Nachteil war. Längere flache Abschnitte gab es  erst ab km 40. Nach 4 Stunden 58 Minuten erreichte ich wohlbehalten und überglücklich das Ziel.

Als nächstes stand der Rennsteiglauf auf dem Programm. Dieser fand am 19.05.01 statt, ist 74,3 km lang und führt in Thüringen von Eisenach nach Schmiedefeld. Es galt eine Höhendifferenz von 2479 m (davon 1490 m Anstieg und 989 m Abstieg) zu überwinden. Mit 5-10 Grad und trockenem Wetter herrschte nahezu ideales Laufwetter. Nach 7:32 h erreichte das Ziel in Schmiedefeld.

In der Europacup-Gesamtwertung erreichte ich Platz 50 in der Gesamtwertung und wurde damit 14. in meiner Alterklasse M 40. Damit war ich bei meiner ersten Teilnahme am Europacup der Supermarathone mehr als zufrieden."

Leider verletzte sich meine Freundin einen Monat nach dem 100 km-Lauf, so dass sie den Europacup, auf welchen sie sich so gefreut hatte, nicht zu Ende laufen konnte. Aber wir werden in den nächsten Jahren auf jeden Fall noch mal in Biel über die 100 km an den Start gehen (der Lauf war einfach zu schön) – vielleicht klappt die gemeinsame Teilnahme am Europacup der Supermarathone ja im zweiten Anlauf.

Zum Schluss möchte ich mich noch bei meinen LauffreundenInnen vom Verner Lauftreff bedanken. Sie haben uns immer motiviert und an uns geglaubt. Auch dieser seelische Beistand hat zum Erfolg beigetragen.

Henry Wibberg