1. Etappe Plattling - Dingolfing
2. Etappe Dingolfing - Freising
3. Etappe Freising - Wolfratshausen
4. Etappe Wolfratshausen - Fall
5. Etappe Fall - Scharnitz (Österreich)
Der Isarrun führt in 5 Etappen über eine Länge von 330 km von der Isarmündung in die Donau in der Nähe von Plattling bis zur Quelle nach Scharnitz in Österreich. Von Lauffreunden hatte ich erfahren, dass es ein sehr schöner und super organisierter Lauf sein soll. Das einzige, was es auszusetzen gebe, sei, dass nichts zu bemängeln sei. Neben einer Handvoll Marathons, die ich pro Jahr laufe, habe ich mir in den letzten Jahren zur Regel gemacht, jährlich einen Ultralauf als Laufhöhepunkt zu absolvieren. Im letzten Jahr war es der 24Stundenlauf in Köln, bei dem ich mich auf 202 km gesteigert habe. In diesem Jahr sollte es also mein erster Etappenlauf im Ultrabereich sein.
Bereits ein ¾ Jahr vor dem Lauf musste ich mich anmelden, denn das Teilnehmerlimit von 60 Startern war innerhalb weniger Wochen erfüllt. Schritt 1 war getan, nun musste ich nur noch trainieren. Im Februar 2006 wurde das Training mit einer Monatsleistung von 306 km langsam hochgezogen. Im März folgten 339 km und im April sogar 471 km. Ich weiß, dass diese Monatskilometer für ambitionierte Marathonläufer vollkommen normal sind. Aber mir reichte das vollkommen. Die Trainingsläufe steigerte ich auf bis zu 35 km und Mitte April lief ich drei Mal 30 km an drei aufeinander folgenden Tagen. Ansonsten absolvierte ich lediglich zwei Marathons, Apeldoorn im Februar und Düsseldorf eine Woche vor dem Isarrun. Anfang Mai gönnte ich mir noch eine Woche Urlaub in der Türkei, um mich vom Training zu erholen.
Im Vorfeld gingen mir so einige Gedanken über den Isarlauf durch den Kopf. Einen derartigen Lauf hatte ich noch nie bewältigt. Wie sollte ich mich unterwegs unternähren? Was für Probleme würden unterwegs auftreten? Habe ich mir da nicht zuviel zugemutet? Die Fragen sollten während des Laufs beantwortet werden.
Am 14.05.2006 war es dann soweit. Zusammen mit meinen Lauffreunden Tom und Thomas machte ich mich auf den Weg nach Plattling. Dort trafen wir dann auf einige Lauffreunde, die wir von anderen Ultraläufen kannten. In der Turnhalle bereiteten wir unser Schlafgemach und quatschten ausgiebig mit den anderen Startern. Abends hatte der Bürgermeister von Plattling eingeladen. Es gab Weißbier und Leberkäse. Was will man mehr?
Für mich war der bevorstehende Isarrun ein herausragendes Ereignis. Aber dann stellte sich heraus, dass im Teilnehmerfeld Deutschlandläufer, Trans-Europa-Finisher, Finisher von einem bzw. mehreren zehnfachen Ironman, 300 Meilen am Yukon pp. waren. Von Badwater, Marathon de Sables, Swiss Jura usw. ganz zu schweigen. Ich hatte den Eindruck, dass der Isarrun für einige lediglich die Vorbereitung auf noch länger Distanzen oder eine nette Trainingseinheit war.
1. Etappe Plattling - Dingolfing nach oben
Am Montag war es dann soweit, es ging endlich los. Mein Ziel bestand nicht darin, die insgesamt vor mir liegenden 330 km irgendwie zu schaffen. Daher habe ich auch meine Digitalkamera mitgenommen, um unterwegs Fotos zu schießen.
Die Nervosität legte sich mit dem Startschuss. Zunächst ging es in entgegen gesetzter Richtung zur Donau. Ich lief mit Tom in einem durchaus gemütlichen Tempo. An den Verpflegungsstellen ließen wir uns Zeit und machten von dem üppigen Angebot ausgiebig Gebrauch. Nach ca. 15km erreichten wir den Zufluss der Isar in die Donau. Nach einem Foto des Streckenfotos vor dem Zufluss ging es Retour in Richtung Isarquelle. Ab nun sollte uns die Quelle der Isar mit jedem Schritt näher kommen. Auf dieser flachen Etappe erreichte wir nach 62 km das Ziel in Dingolfing. Das Weizenbier im Ziel hatten wir uns verdient.
Übernachtet wurde in einer Pension. Es gab nur sehr wenig Zimmer für alle, so dass der Großteil in Gemeinschafträumen und in Zelten auf Feldbetten übernachtete. Ich hatte meinen Platz im Zelt zugewiesen bekommen. Das war zwar nicht gemütlich, aber okay. Nach dem Abendessen gab es noch das ein oder andere Weizenbier, welches mir in Verbindung mit dem Lauf einen guten Schlaf bereitete.
2. Etappe Dingolfing - Freising nach oben
Am nächsten Tag folgte mit 75 km die Königsetappe. Meine Beine habe ich morgens schon ein wenig gemerkt. Aber es hielt sich in Grenzen und ich war guter Dinge. Das Starterfeld wurde geteilt. Die langsameren Läufer starteten zuerst und die schnelleren eine Stunde später. Diese Regelung machte logistisch Sinn.
Da ich es langsam gehen ließ, startete ich in der ersten Läufergruppe. Es ergab sich, dass Tilmann und ich das gleiche Tempo liefen. Das klappe derart gut, dass wir auch die nächsten Etappen zusammen gelaufen sind. Der Wettergott meinte es zunächst nicht sehr gut mit uns. Kurz nach dem Start schüttete es aus Eimern. Aber im Laufe des Vormittags besserte sich das Wetter. Es heiterte auf. Mittlerweile schien die Sonne erbarmungslos und dank des vorherigen Regens herrschte eine starke Luftfeuchtigkeit. Diese Schwüle machte das Laufen nicht gerade angenehm. Aber in diesen 5 Tagen musste man halt eben mit allen möglichen Wetterkapriolen rechnen. Hauptsache war doch, dass es weitestgehend trocken blieb. Schließlich erreichten Tilmann und ich noch recht gut das Ziel in Freising.
Nach dem Zieleinlauf blieben wir erst einmal ein Weile stehen, um uns zu verköstigen und Flüssigkeit nachzutanken. Danach wollte ich in meine Unterkunft gehen. Die Beine wollten nicht mehr so schwungvoll gehen, wie ich es mir vorgenommen hatte. Die Muskeln schmerzten elendig. Wie sollte das nur weitergehen? War es wirklich richtig, bei diesem Lauf zu starten? Erste Zweifel machten sich breit. Aber dann kam die Erlösung. Das Orga-Team hatte Masseure organisiert, welche die Teilnehmer für einen schmalen Euro wieder auf Vordermann brachten. Die Beinmassage war einfach nur herrlich. Da war ein Könner am Werk. Die Beine waren zwar immer noch schwer, aber sie funktionierten wieder besser. Nach dem abendlichen Ritual mit reichlich Essen und Weizenbier fiel ich guten Mutes ins Bett.
3. Etappe Freising - Wolfratshausen nach oben
71 km lagen vor uns. Nach dem Frühstück begann ich wieder in der ersten Startgruppe. Die Massage hatte geholfen und schmerzfreies Laufen war möglich. Gott sei Dank. Zunächst liefen wir am Waldrand der Isar entlang. Nach einiger kamen uns etliche Bundeswehrsoldaten/innen, die sich bei einem Ausmarsch quälten. Offensichtlich ging es dort um Schnelligkeit, denn das Feld war weit auseinander gezogen. Interessanterweise hatten viele einen Walkman dabei oder telefonierten unterwegs mit ihren Handys. Es hatte bei vielen den Anschein, als ob es sich um einen Maiausflug handelte. Irgendwie hatte ich ein ganz anderes Bild von der Truppe in Erinnerung. Auf jeden Fall war es eine angenehme Abwechselung.
Nach etwa einem Drittel der Etappe erreichten wir München. Dort liefen wir durch den Englischen Garten, am Deutschen Museum und weiteren Sehenswürdigkeiten vorbei. Das war alles sehr kurzweilig.
Hinter München folgte ein Single-Trail. Der Untergrund war zunächst voll mit Wurzeln, anschließend folgte ein sandiges Stück direkt an der Isar entlang. Auf einmal gerieten wir auf ein steiniges trockenes Flussbett der Isar. Eine Markierung war weit und breit nicht zu sehen. Es gesellten sich weitere Läufer hinzu, die ebenfalls umherirrten. Wir holten unsere Roadbooks hervor, konnten aber keinen Fehler erkennen. Wir schlugen uns dann durch den Wald und kamen nach einer Zeit der Unsicherheit auf den rechten Weg zurück. Es stellte sich später heraus, dass eine ordnungsliebende Spaziergängerin offensichtlich die Markierung entfernt hatte.
Die letzten 10 km führten stupide und schnurgeradeaus an einem Kanal entlang. Die Sonne frohlockte am Himmel. Wir waren ihr auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Nun war mentale Stärke gefragt. Aber Tilmann und ich schafften auch dieses Teilstück.
Im Ziel folgte das gewohnte Schauspiel. Trinken, essen und zum Hotel hinken. Interessanterweise hieß das Hotel „Humplbräu“. Treffender hätte es nicht heißen können.
4. Etappe Wolfratshausen - Fall nach oben
Dank der hervorragenden Massage am Vorabend konnte ich auch an dieser Etappe teilnehmen. Heute lagen 61 km und 700 Höhenmeter vor uns. In gewohnt entspannter Atmosphäre starteten wir um 07:00 Uhr. An den Verpflegungsstellen ließen Tilmann und ich es uns richtig gut gehen. Sie waren mit ganz viel Liebe zum Detail hergerichtet und ich aß, was ich bekommen konnte: Salzstangen, Nüsse, Plätzchen, Schokolade, Gummibärchen, Käsebrot, Chips und zum Schluss eine Banane. Irgendwas Gesundes musste ich ja schließlich zu mir nehmen. Es war einfach herrlich, ich konnte ohne schlechtes Gewissen essen, was ich wollte. Da machte ich mir vorher Gedanken um einer gesunde Ernährung, damit ich den Lauf überstehe. Alles Blödsinn, es geht auch mit Süßigkeiten.
Unterwegs warteten knackige Steigungen mit weit über 10 % auf uns. Diese Etappe hatte es in sich. Nach etwa der Hälfte sahen wir bei diesem Lauf zum ersten Mal das mit Schnee bedeckte Karwendel-Gebirge. Die Alpen und damit das Ziel war in Sicht.
Die letzten 10 km ging es bergab und der Lauf endete an einem herrlichen Hotel in Fall. Es stellte sich heraus, dass in diesem Hotel Managerkurse stattfanden. Sie konnten da zu sich selbst finden oder in den verschiedensten Abenteuern Grenzerfahrungen sammeln.
Zum letzten Mal ließ ich mich massieren. Im Hotel war ein Revitalisierungsraum vom Feinsten. Warme Bänke, Eierkocher, Relaxsauna und was es sonst noch so gibt. Dort ließen wir es uns richtig gut gehen.
Auf jeden Fall stand fest, dass es sich um ein Hotel der gehobenen Klasse handelte. Dementsprechend war dann auch das Abendessen. Es war einfach nur geil. Es gab Nudeln, Reis, Salate, Suppen, Vor- und Nachspeisen in allen möglichen Varianten und hervorragender Qualität. Diese Etappe hatte sich gelohnt. Als krönenden Abschluss gab’s natürlich wieder Weizenbier für die Bettschwere. Die war auch notwendig. Denn wir übernachteten in einem Gemeinschaftsraum und der ein oder andere Schnarcher wollte das Einschlafen erschweren.
5. Etappe Fall - Scharnitz (Österreich) nach oben
In dem täglichen Briefing am Vorabend wurde verkündet, dass man die letzte Etappe auf 59 km verkürze. Ursprünglich war geplant, bis zur Isarquelle zu laufen und von dort noch bis ins Ziel nach Scharnitz. Nach Rücksprache mit zuständigen Behörden hatten die Organisatoren geschafft, den Lauf direkt im Naturschutzgebiet unterhalb der Quelle enden zu lassen. Es sollte sich herausstellen, dass dieses neue Ziel nicht besser hätte gewählt werden können.
Bei dem unspektalulären Start fühlte ich mich saugut und hatte derart gut Beine, dass ich mich dazu entschloss, diese Etappe mal ein wenig zügiger zu laufen. Ich verabschiedete mich von Tilmann, der mit Tom das von Anfang an eingeschlagene Tempo bis zum Ende durchlaufen wollte. Das war sicherlich auch vernünftig, schließlich lagen noch fast 60 km vor uns. Aber mir war egal, heute sollte es zügiger voran gehen. In den Etappen davon hätte ich das nicht gemacht, es wäre mir zu riskant gewesen.
Nachdem wir den See, an welchem unser Hotel lag, umrundet hatten, folgten erst einmal mehrere Anstiege. Dann liefen wir durch ein schön gelegenes Naturschutzgebiet und auf dem letzten Drittel der Strecke ging’s an einem Schotterweg langsam, aber stets steigend an der Isar entlang. Die Sonne meinte es wieder gut mit uns Läufern. Dieser Streckenabschnitt war durch das Gelände derart gut abgeschirmt, dass uns nicht mal ein Lüftchen erfrischte. Der Lorenz schien unbarmherzig auf unser Antlitz.
Für mich unerwartet stand ich plötzlich vor dem Ziel. Aufgrund der Weg-Zeit-Berechnung konnte das aber noch gar nicht sein. Dem war auch nicht so. Am Ziel schlemmerte ich mal wieder ausgiebig. Der Strecke führte dann weiter am Ziel vorbei in Richtung Isarquelle. Die Isarquelle entspringt anders, als ich das in Form einer sprudelnden Quelle von meinen Bergwanderungen gewohnt. Links und rechts des Weges stand der Wald unter Wasser, wie nach lang anhaltenden heftigen Regenschauern. Und genau das war die Isarquelle. An mehreren Stellen gelangt Wasser an die Erdoberfläche. Das Wasser fließt dann bergab und sammelt sich in der Isar.
Oberhalb der Quelle stand ein Streckenposten und machte noch einmal ein Erinnerungsfoto mit herrlichem Bergpanorama im Hintergrund. Im Anschluss machte ich kehrt und lief zurück ins Ziel. Dieses letzte Teilstück mit einer Länge von ca. 4 km lief ich deutlich unter 20 Minuten. Ich war derart euphorisch, dass mir die bis dahin gelaufenen Kilometer nichts ausmachten und alle Muskelschmerzen vergessen waren.
Der Zieleinlauf war grandios. Er ist nicht mit anderen Läufen vergleichbar. Außer ein paar Helfern, Angehörigen und bereits gefinishten Läufern war dort niemand. Aber das war auch nicht erforderlich bzw. es hätte überhaupt zu der grandiosen Kulisse gepasst. Das Ziel war an einer landschaftlich herrlichen Stelle gelegen. Es übermannte mich ein bisher nie da gewesenes Glücks- und Zufriedenheitsgefühl. Alle Schmerzen waren vergessen und es ging mir saugut.
Einige Meter hinter dem herrschte eine ausgelassene Stimmung. Dort hielten sich die Läufer auf, die bereits das Ziel erreicht hatten. Wir gratulierten uns gegenseitig und klopften uns auf die Schultern. Es gab natürlich lecker Bierchen. Einige Läufer ließen es sich nicht nehmen und nahmen ein Bad in der etwa 2 cm (entspricht 7 °) kalten Isar. Andere Läufer wiederum saßen zufrieden etwas abseits und genossen ihren Erfolg. Es wurden Witze gerissen und Anekdoten erzählt.
Der Isarrun 2006 war ein absolut geiles Lauferlebnis. Diesen Lauf kann ich wirklich wärmstens weiter empfehlen. Er war perfekt organisiert. An dieser Stelle möchte ich Ulrich Welzel und seinem äußerst kompetenten bzw. mustergültigem Orga-Team herzlichst danken. Im Vorfeld des Isarruns habe ich mich bei Uli gemeldet, um mich nach einer Unterkunft im Zielbereich zu erkundigen. Wir wollten mit dem Pkw zum Ziel anreisen und von dort mit dem Zug zum Start fahren. Uli sagte mir, warum wir uns solche Umstände machen wollen. Es bestehe die Möglichkeit, dass ein Betreuer den Pkw vom Start zum Ziel mitführt. Das war natürlich die beste aller Möglichkeiten und hatte uns eine zeitlich doch recht lange Anreise erspart.
Das Orga-Team war derart nett und fachkundig, wie ich es selten erlebt habe. Sie ließen nichts unversucht, um uns Läufer zu motivieren. Dass das Ultra laufende Volk eine interessante Kategorie Mensch ist und allein deshalb schon die Teilnahme lohnt, brauche ich wohl niemanden näher zu erläutern.
Der Arzt und Extremsportler Dr. Beat Knechtle aus der Schweiz führte während des Laufs an freiwilligen Probanden Fettmessungen durch. Dafür hatte ich mich auch gemeldet. Interessant war, dass die eher schnelleren Läufer abgenommen und langsameren Läufer zugenommen hatten. Ich gehörte zu den Läufern, die an Gewicht zugelegt haben. Mich persönlich wundert das im Nachhinein nicht. Schließlich habe ich meinen durch den Lauf entstandenen Kalorienbedarf schon während der Etappen an den Verpflegungsstationen mehr als ausgeglichen. Naja und nach dem Lauf wurden die Bäckereien geplündert, von den abendlichen Essorgien mal gar nicht sprechen. Ich habe aber jeden Bissen genossen und die 2 kg Gewichtszunahme störten mich auch nicht.
Abgerundet wurde der Isarrun mit einer zünftigen Siegerehrung in Scharnitz bis weit nach Mitternacht.
Für die 330 Kilometer benötigte ich 39 Stunden 12 Minuten und 8 Sekunden und belegte damit eine für mich gute Platzierung im Mittelfeld. Aber die Zeit bzw. die Platzierung war mir egal. Ich hatte das Ziel gut erreicht und nur das zählte. Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen, den Isarrun noch einmal zu laufen. Das Erlebnis Isarrun 2006 war einfach zu schön.