Zuerst möchte ich aufzeigen, wie ich zum Laufen kam. Nachdem ich fast 30 Jahre mit mehr oder weniger unsportlichen Lebenswandel auf dieser Erde verbracht hatte, musste ich mich im Frühjahr 1991 einer Knieoperation unterziehen. Danach dauerte es ein 3/4 Jahr, bis ich mich wieder schmerzfrei bewegen konnte. Der Körper dankte mir diese Bewegungsarmut mit einer Gewichtszunahme von nahezu 10 kg. Dieses gefiel mir natürlich überhaupt nicht. Ich beschloss durch Sport abzunehmen und entschied mich für das Laufen.
Im Februar 1992 begab ich mich zum Lauftreff des SC Rot-Weiss Verne am Geseker Trimmpfad. Nach und nach lernte ich die über Feldwege huschenden Laufcracks aus Verne kennen. Und ausgerechnet diese Cracks (= Hardy Schmidt, Manni Schnieders, Heinz Sausner und Bernd Berg aus Salzkotten) liefen in der Folgezeit mit mir. Das Laufen in der Gruppe machte mir Spass. Beim Laufen unterhielten wir uns über viele interessante und lustige Themen und mussten hin und wieder sogar stehen bleiben, um abzulachen (und tun es heute noch!). Obwohl zwischen den anderen und mir Welten lagen, passten sie sich meinem Tempo an und ließen mich keine Sekunde spüren, dass ich blutiger Anfänger war.
Bei Volksläufen über 10 km hatte ich meine ersten Erfolgserlebnisse. Die dortige Atmosphäre gefiel mir. Durch Erzählungen meiner Lauffreunde fand ich Gefallen am Marathon. Anfang 1993 fasste ich den Entschluss, mich über die Königsdistanz zu versuchen. Da ich zu diesem Zeitpunkt erst ca. 1 Jahr lief, rieten mir die Lauffreunde ab. Das Vorhaben kam ihrer Meinung nach zu früh. Ich ließ mich aber nicht beirren und meldete mich für den Hanse-Marathon in Hamburg an.
Nun hieß es trainieren! In der Woche lief ich nun 50 - 60 km. Das hört sich viel an, es ist aber für eine Vorbereitung zum Marathon die untere Grenze. Vier Wochen vor dem Start in Hamburg nahm ich am Hermannslauf teil. Dieser ging über 30,3 km durch den Teutoburger Wald vom Hermanndenkmal zur Bielefelder Sparrenburg. Mein Start an diesem Lauf erfolgte wiederum gegen den Rat meiner Lauffreunde. Sie waren der Meinung, dass der Lauf wegen der zu überwindenden Höhenunterschiede für mich als Flachlandtiroler zu anstrengend als Vorbereitung wäre. Die sollten nur reden. Ich wusste schließlich am besten, war gut für mich war. Manni begleitete mich bei dem Lauf und sorgte mit seiner Erfahrung dafür, dass ich nicht z schnell lief. bzw. mich nicht übernahm. Trotzdem zerrte der Lauf wider Erwarten an der Substanz. Zum ersten Mal kamen leichte Zweifel auf. Sollten meine Lauffreunde doch Recht haben?
Ende Mai 1993 war es dann soweit. Mit Hardy's Marathon-Reise-Service ging es nach Hamburg. Am Vorabend des Marathonlaufes aß die Mehrheit der Läufer einen Salat und ging früh zu Bett. Ich entschloss mich für ein großes Steak mit viel Pommes (ohne Salat) und einen anschließenden Bummel über die sündige Meile. Mit einigen Mitreisenden suchten wir eine gemütliche Kneipe auf und tranken einige Biere (und das am Abend vor dem Start). Gegen 01.00 Uhr überzeugten mich Hardy und Heinz, dass es besser ist, zum Hotel zurückzukehren, um zu schlafen. Unter Protest folgte ich. Eine halbe Stunde später lag ich endlich im Bett.
Um 06.00 Uhr war die Nacht vorüber. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Bus zu den Messehallen. Die meisten LäuferInnen waren doch wohl schon nervös. Ich habe jedenfalls noch nie so viele Leute gesehen, die gleichzeitig die Toilette aufsuchen wollten. Die Schlangen davor waren unendlich. Ich zog mich um. Die Achselhöhlen, Brustwarzen sowie die Füße wurden mit Vaseline eingerieben, damit die Stellen nicht wund wurden. Um mir keinen Wolf zu laufen, rieb ich mich auch dort ein.
Anschließend begab ich mich zum Start. Dort wurde mir schon ein wenig mulmig. Hatte ich mich richtig vorbereitet? Werde ich das Ziel erreichen? Etwas Wichtiges hatte ich vergessen, meinen Zeitplan. Um gleichmäßig zu laufen, hatte ich ihn erstellt. Wichtig war, dass ich den Marathon nicht zu schnell anging, um auch am Ende noch Luft zu haben. Eine Läuferregel sagt: Nicht die Entfernung tötet, sonder das Tempo. Des Weiteren durfte ich nicht vergessen, unterwegs genügende Flüssigkeit zu mir zu nehmen. Bei dieser sportlichen Betätigung verliert der Körper etwa 1-2 Liter Flüssigkeit pro Stunde. Wasserstellen waren zunächst alle 5 km und ab 20 km alle 2,5 km aufgebaut.
42195 m lagen nun vor mir. Um 09.00 Uhr erfolgte der Startschuss. Über 8.000 LäuferInnen machten sich auf den Weg. Insgesamt 300.000 Zuschauer säumten die Strecke und feuerte die LäuferInnen an. Unterwegs spielten Musikkapellen und aus offenen Fenstern dröhnten Lautsprecher. An der Strecke war eine Wahnsinnsstimmung. Das hatte ich von den kühlen Norddeutschen nicht erwartet. Die ersten 10 km vergingen wie im Flug. Ein Blick auf die Uhr sagte, dass ich schneller als geplant war. Ich war aber noch frisch und beschloss, das doch recht hohe Anfangstempo beizubehalten.
Nach der Hälfte der Strecke hatte ich immer noch keine Ermüdungserscheinungen. Getrieben durch die Stimmung am Straßenrand wurde ich immer schneller. Zusätzlich überschüttete mich der Körper noch mit Endorphinen. Diese körpereigenen Glückshormone vermittelten mir das Gefühl, in Superform zu sein. Bedenken wegen des hohen Tempos kamen erst gar nicht auf. Bei km 30 kam das, was kommen musste. Die Beine wurden schwerer und ich langsamer. Während ich vorher fast nur überholt hatte, wurde ich nun überholt. Bei km 35 meldete sich der kleine Mann im Ohr und flüsterte mir zu: Du schaffst das nicht! Vergeblich wartete ich auf die nächste Endorphinausschüttung. Ich hatte sie offensichtlich alle zwischen kam 20 und km 30 aufgebraucht. Zweifel kamen auf. War es richtig, vorher den Hermannslauf zu absolvieren? Hätte ich bis zum ersten Marathon noch länger warten sollen? Wäre es nicht besser gewesen, am Vorabend früh zu Bett zu gehen? Warum lief ich eigentlich die 42,195 km und nahm nicht einfach ein Auto?
Etwa 1 km vor dem Ziel sprach mich ein netter, mindestens 60 Jahre alter Läufer an und fragte: "Na Junge, ist wohl dein erster Marathon?" Ich nickte. Er fütterte mich mit aufmunternden Worten, die ich dankbar aufnahm. Nicht vermutete Reserven wurden frei. Ich legte einen Zahn zu und überholte wieder andere Läufer. Nach 42195 m erreichte ich schließlich das Ziel. Ein Glücksgefühl überfiel mich. Ich hatte es geschafft.
Mein Ziel war es, unter 4 Stunden die Strecke zu absolvieren. Mit 3 St. 53 Min 51 Sek. erreichte ich einen guten Mittelplatz. Man sagte mir, dass dies für einen Debütanten, der gerade mal 1 Jahr läuft, eine ordentliche Zeit sei.
Im Dezember 1993 absolvierte ich meinen 2. Marathon. Dieses Mal hörte ich auf den Rat meiner Lauffreunde und erreichte wohlbehalten, ohne die Beschwerden des Hanse-Marathons, das Ziel.
Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle bei meinen Verner Beratern Hardy, Heinz und Manni, ohne die ich diese Distanz nie gelaufen wäre.