Vier Verner in New York

Am Donnerstag, den 03.04.94, war es soweit. Nach 3 Monaten Training ging es endlich nach New York. Für vier Verner -Hardy Schmidt, Heinz Sausner, Manni Schnieders und Henry Wibberg- stand die Teilnahme am 25. New York City Marathon unmittelbar bevor.

In New York angekommen, hatte wir noch drei Tage Zeit zur Akklimatisierung und um New York und die Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Unter der sachkundigen Leitung von Hardy -er war bereits das 8. Mal in Ney York- machten wir einen Stadtrundfahrt, begaben uns auf das Empire State Building, um New York bei Nacht zu erleben und besuchten ein Musical am Broadway. Des Weiteren stand Shopping auf dem Programm. Bei einer Markenjeans sparte man z. B. 100,- DM, Elektronikartikeln (Fotoapparat, Videokamera usw.) ein Vielfaches. Man musste nur genug einkaufen, und man hatte die Kosten für die Reise wieder heraus. Einige machten dabei sogar Plus - oder?!?

Am Samstag nahmen wir am Frühstückslauf teil. Etwa 15.000 LäuferInnen trafen sich morgens am UN-Gebäude. Jedes Land, aus welchem Läufer teilnahmen, wurde über Lautsprecher aufgerufen und mit Beifall bedacht. Ein gewisses Kribbeln konnten wir nicht verhehlen. Der Lauf ging über ca. 8 km. Wir liefen die Strecke in einem gemütlichen Tempo und konnten schon ein wenig von der Atmosphäre, die uns sonntags erwarten sollten, schnuppern.

Am Sonntag, den 06.1.94, stand der Tag der Wahrheit bevor - der New York City Marathon. Um 06.00 Uhr standen wir auf und frühstückten anschließend in aller Ruhe. Um 07.00 Uhr fuhr der Bus ab und brachte uns zum Start. Dort trafen nach und nach über 30.000 LäuferInnen ein. Von freundlichen Helfern wurden wir frenetisch begrüßt. Auf dem riesigen Startgelände bereitete sich jeder auf seine Art auf den Marathon vor, einige hörten Musik aus dem Walkman, meditierten, schliefen, gingen nervös auf und ab usw. Wir vier Verner ließen uns auf einer Wiese nieder und begannen mit den üblichen Ritualen - Flüssigkeitsaufnahme, Eincremen der empfindlichen Körperteile und Witze erzählen.

Einen Teil der Flüssigkeit brachten wir dann zu längsten Pissoir-Rinne der Welt. Sie war 150 m lang, und wir mussten uns noch anstellen. Das muss man sich mal vorstellen, vier Verner standen vor der "Worlds largest Urinal" - boh ey! In der Rinne, auf der ausgeschiedenen Körperflüssigkeit schwimmend, näherte sich eine Plastikente mit der Aufschrift "Viva la France". Ein Schmunzeln konnte sich keiner verkneifen.

Gestartet wurde der Lauf auf Staten Island auf der Verrazano Bridge, der längsten Marathonbrücke der Welt. Für mich stand fest, dass ich keine Bestzeit laufen wollte. Das ist in New York auch fast unmöglich, der Kurs ist nämlich sehr wellig. Es sollte ein Sightseeinglauf werden.

Um 10.45 Uhr fiel der langersehnte Startschuss. Über 30.000 LäuferInnen begaben sich auf die 42.195 m lange Strecke durch alle 5 New Yorker Stadtteile: Staten Island, Brooklyn, Queens, Bronx und Manhattan. Und wir waren dabei, ich konnte es kaum fassen. Von Staten Island ging es durch Brooklyn nach Queens. An der Strecke herrschte eine Wahnsinnsstimmung. Unterwegs spielten mehrere Hardrockband, und die Zuschauer ließen nicht nach, den LäuferInnen zuzujubeln. Am Straßenrand standen viele Kinder und hoben eine Hand, welche die vorbeilaufenden Teilnehmer abklatschen sollten. Ich machte es ein paar Mal zur Freude der Kinder, aber auf Dauer war es wohl zu anstrengend.

Bei km 25 überholte ich einige Körperbehinderte. Sie hatten zum Teil nur ein Bein und bewältigten die Strecke mit Krücken. Sie waren schon einige Zeit vor uns gestartet und vollbrachten eine unglaubliche Leistung, welche unsere bei weitem in den Schatten stellte.

Einen Kilometer weiter erreichten wir Manhattan. Dort erschallte aus Lautsprechern das Lied "New York" von Frank Sinatra. Manni und Hardy ließen es sich nicht nehmen, eine Runde nach dem Lied zu tanzen. Danach bogen wir auf die First Avenue ein. Die Straße war geschmückt, wie bei einer Parade. Zigtausend Zuschauer -natürlich handelte es sich um das beste Publikum der Welt- kreischten, jubelten und riefen uns aufmunternde Worte zu. Es ging 7 km schnurgeradeaus. Wohin man schaute, überall waren mit Fahnen und Transparenten wedelnde Zuschauer in den Schluchten der Wolkenkratzer.

Nach 30 km wurden meine Beine ein wenig schwerer. Ich hatte noch 12 km vor mir. Hoffentlich schaffte ich den Rest. Neben mir lief ein braun gebrannter junger Mann aus Kalifornien. Wir hatten uns schon einige Zeit gut unterhalten. Er bemerkte, dass mein Laufstil ein wenig behäbiger wurde und sagte: "Come on boy, only 7 fucking miles!" Ich dachte, 7 Meilen hören sich besser an als 12 Kilometer (wenn auch die Entfernung identisch ist) - schaffst du doch mit links. Das Laufen fiel mir wieder leichter und die kleine Krise war überstanden. Es war wohl doch nur eine Sache der inneren Einstellung. Dieses Mal ließen mich die Endorphine nicht im Stich und sollten mich bis ins Ziel begleiten. Spenners Peter würde sagen: "Die machen einen Saufathon und nach 30 l kommen Änne und Fine."

Nach 33 km verließen wir Manhattan und begaben uns in die Bronx. Hier standen die Polizisten zum ersten Mal mit dem Rücken zu uns und schauten auf die Zuschauer und Häuserfronten. Die Gefährlichkeit der Bronx ist aus vielen Krimis hinlänglich bekannt. Nach 1 km in der Bronx erreichten wir wieder wohlbehalten Manhattan - lebend.

Nach 37 km bogen wir in den Central Park ein. Die Zuschauer feuerten uns an und holten das Letzte aus den LäuferInnen heraus. Von allen Seiten schrieen sie uns zu: "You're great! You're looking good!" Das tat gut.

Nach 42,195 km oder auch 26,2 Meilen erreichten ich wohlbehalten und recht locker das Ziel. Schade, dass es schon vorbei war.

Im Gegensatz zu dem Sieger (er hatte sich kurz vor dem Ziel verlaufen, da er einem Fernsehteam gefolgt ist, welches von der Strecke abgebogen war) erreichten alle Verner ohne Umwege das Ziel.

Zum Schluss noch einige Informationen zu der Veranstaltung: Die Strecke säumten über 2 Millionen Zuschauer, es gab 13.000 freiwillige Helfer und 1,6 Millionen Getränkebecher wurden an die LäuferInnen verteilt. Weiterhin wurden über 13.700 Parkverbotsschilder aufgestellt, 26.000 Ballons am Streckenverlauf befestigt und 1.135 l Liter blaue Farbe "Marathon Blue" für die Ideallinie auf die Straße aufgebracht.

Abgerundet wurde die Reise mit einem anschließenden einwöchigen Aufenthalt im sonnigen Florida, wo wir alles andere als sportlich lebten und uns den Lastern des Leben hingaben.