K78 Swiss Alpine
78,5 km mit +/-2.320 Höhenmeter
Nach dem langen Rennsteiglauf und einigen Marathonläufen im Frühjahr habe ich mich recht kurzfristig für den Swiss Alpine im schweizerischen Davos entschieden. Mein Freund und Vereinskamerad Gerd fragte, ob nicht jemand Interesse habe, mit ihm in die Schweiz zu fahren, um dort am Swiss Alpine teilzunehmen. Da ich schon seit Jahren mit diesem Lauf geliebäugelt hatte, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Bis zum Lauf blieben mir noch 4 Wochen. Das war zwar ein geringer Vorlauf, aber aufgrund der vielen Kilometer im Frühjahr war ich der Meinung, genug Grundlage für diese Veranstaltung zu haben. Weiterhin hoffte ich aufgrund meiner Erfahrung bei Ultraläufen auch den Swiss Alpine zu schaffen.
Der Preis für den Swiss Alpine war hoch. Immerhin musste ich dafür auf unser Vogelschießen verzichten. Aber es sollte sich lohnen. Doch dazu später.
Nach einer nur dreiwöchigen Vorbereitung mit vielen Trainingskilometern und einer Erholungswoche vor dem Lauf fuhr ich mit Gerd Ende Juli 2007 in die Schweiz. Am Nachmittag kamen wir in Davos an. Zunächst holten wir im Eisstadion die Startunterlagen ab. Dann begaben wir uns in die Unterkunft. Gerd hatte für uns ein von Nonnen geführtes Schwesternwohnheim gebucht. Unser Zimmer war für Schweizer Verhältnisse gut und günstig. Abends wurden noch ein paar lecker Bierchen als legales Doping genossen. Nach einer kurzen Nacht stand am nächsten Tag endlich der Swiss Alpine an.
Der Swiss Alpine besteht aus mehreren Laufveranstaltungen. Es wird eine 21 km und 28 km lange Strecke sowie zwei Marathons und mit dem K78 die Königsdisziplin über 78,5 km und 2.320 Höhenmeter angeboten. Dann gibt es noch Inliner-, Fahrrad- und Staffelwettbewerbe. Alle Läufe bzw. Wettbewerbe enden im Leichtathletikstadion in Davos.
Nach einem kräftigen Frühstück gingen wir gegen 07:00 Uhr gingen wir zum in der Nähe liegenden Leichtathletikstadion, wo auch der Start erfolgte. Wir trafen auf einige bekannte LäuferInnen. Nach dem einen oder anderen Schwätzchen fiel um 08:00 Uhr endlich der ersehnte Startschuss. Ich wollte nur durchkommen und hatte mir absolut kein Zeitlimit gesetzt. Weiterhin wollte ich so lang es geht mit Gerd laufen. Er ist ein angenehmer Zeitgenosse und wollte auch ohne Zeitvorgabe finishen.Bei herrlichem Sonnenschein ging es zunächst flach durch die Innenstadt von Davos (1.538 m über NN). Erstaunlich viele Zuschauer säumten schon so früh die Straßen. Nach einigen Kilometern erreichten wir den Stadtrand und wir wurden in die wunderschöne Natur entlassen.
Die ersten Steigungen ließen nicht lange auf sich warten. Was im Höhenprofil als nicht so wild aussah, erwies sich als recht knackige Steigung/en und ebenfalls steilen Gefällstrecken. Wir liefen südlich des Osthangs des Landwassertals entlang, über den Weiler Spina oberhalb von Glaris nach Monstein.
Da ich noch an den Folgen einer Bänderzerrung im Sprunggelenk zu leiden hatte, lief ich gerade bei den Gefällstrecken sehr langsam und vorsichtig. Das Bergablaufen ist normalerweise meine Stärke, aber ich wollte unbedingt eine erneute Verletzung vermeiden und ging daher auf Nummer sicher. Bei den Bergaufpassagen passte ich mich Gerd, einem begnadeten Bergläufer, an. Da ich beim Bergablaufen Kräfte sparen konnte, war ich in der Lage einigermaßen mit Gerd, der netterweise Rücksicht auf mich nahm, beim Hochlaufen der Berge mitzuhalten.
Anschließend ging es hinab ins Tal nach Schmelzboden. Danach erreichten wir über einen alten Fahrweg durch die Zügenschlucht den Bahnhof von Wiesen. Dort liefen wir über den spektakulären Wiesener Viadukt.
Die ersten 32 km ähnelten vom Profil her dem Hermannslauf von Detmold nach Bielefeld, der in der Nähe meiner Heimat schon ein Laufhighlight darstellt. Mit Filisur erreichten wir dann bei km 32 mit 1.019 m über NN den tiefsten Punkt der Strecke. Von nun an ging es erst einmal nur noch bergauf. Nach 39 km liefen wir in Bergün ein (1.365 m über NN). Durch das Val Tuors ging es nach Weiler Chants, wo wir bei km 47 bereit 1.822 m über NN waren.
Nun war Schluss mit lustig. Auf den nächsten 5 km waren ca. 800 Höhenmeter zu meistern. Hinter Chants geht der befestigte Weg in Bergpfade über. Während vorher bei Sonnenschein die Landschaft vorwiegend aus saftigen Bergwiesen, Wäldern, malerischen Ortschaften und einzelnen Hausansammlungen bestand, wurde die Landschaft nun immer karger und mit jedem Höhenmeter natürlich auch kühler. Der Schlussanstieg hatte es in sich. Wir passierten die Baumgrenze und erreichten mit der lang ersehnten Keschhütte (2.632 m über NN) bei km 53 den höchsten Punkt der Strecke.
Hier wehte ein frecher Wind. Ferner waren hier oben dunkle Wolken aufgezogen. Trotzdem ließen wir uns an der Keschhütte richtig Zeit. Nach einer ausgiebigen Verpflegungspause konnten wir dem Angebot nicht widerstehen und ließen uns massieren. Das tat richtig gut, schließlich war ich aus unserer flachen Heimat derartige Anstiege nicht gewohnt. Nach erfolgter Massage sagte Gerd mir, dass er sich noch kurz umziehen wollte, bevor es weitergeht. Ich unterhielt etwas abseits mit anderen Läufern und hielt dann wieder Ausschau nach Gerd. Ich konnte ihn aber nirgends entdecken. Da er mit dem Umziehen schon längst hätte fertig sein müssen, kam in mir der Gedanke auf, dass wir uns vielleicht verpasst haben. Also machte ich mich auf den Weg und lief weiter. Aber ich schaute mich auch dauernd um und sah von Weitem, wie er von der Keschhütte loslief. Also wartete ich auf ihn und zusammen setzten wir den Lauf fort. Der Aufenthalt an der Keschhütte hat uns ca. 20 – 30 Minuten gekostet, aber das war uns egal.
Die Massage hatte derart gut getan, dass ich mich zunächst fast so fühlte, als ob das Rennen gerade erst begonnen hätte. Wir blieben die nächsten 7 km und der Bewältigung von ca. 250 Höhenmetern auf dem Höhenzug bis wir schließlich bei km 60,1 den Scalettapass (2.606 m über NN) erreichten. Dort wartete ein Arzt, der jeden Läufer persönlich begrüßte und tief in die Augen schaute. Dieser Rennarzt entschied, ob man weiterlaufen durfte. Offensichtlich ging es uns derart gut, dass wir den Lauf fortsetzen konnten.
Nun folgte ein brutaler Abstieg auf Geröll. Das Wetter hellte wieder auf und die Sonne kam heraus. Auf den nächsten 4 km ging es 600 Höhenmeter bergab. Aufgrund des Untergrundes, der aus Steinen und Sand bestand, und des starken Gefälles begleitete uns immer ein ungutes Gefühl. Im unteren Teil dieses Streckenabschnittes kam vor mir ein Läufer zu Fall. Ich blieb stehen und kümmerte mich um ihn. Außer ein paar Schürfwunden war ihm aber offensichtlich nicht viel passiert, so dass ich mit gutem Gewissen den Lauf fortsetzen konnte.
Die Bergabpassagen flachten ab und bei km 70,7 kam wieder eine größere Verpflegungsstation. Gerd sagte mir, dass er hier eine kleine Pause einlegen wollte. Er läuft halt eben viel lieber bergauf als bergab. Ich fühlte mich derart frisch, dass ich nach kurzer Rücksprache mit ihm weiter lief. Die letzten 8 km gingen leicht bergab, es waren aber einige kurze giftige Anstiege zu bewältigen. Ich war sogar in der Lage, die letzten 8 km unter einem Schnitt von 5 Minuten pro km zu laufen. Schließlich erreichte ich nach ca. 10 Stunden wohlbehalten das Ziel im Stadion in Davos. Der Swiss Alpine mit seinen 78,5 km und +/-2.320 Höhenmetern war also geschafft. Ein herrlicher Lauf. Ca. eine halbe Stunde später kam auch Gerd ins Ziel, eine tolle Leistung von ihm.
Nach der verdienten Dusche machte ich mich mit Gerd auf den Weg zu unserer Unterkunft. Unterwegs lächelte uns ein Lokal an, in dem es das beste Schweizer Bier gab, das Feldschlösschen. Gerd hatte es mir empfohlen und er sollte Recht behalten. Das Zeug schmeckte wirklich einmalig. So rundete ein lustiger Abend diesen herrlichen Tag ab.